Eine Perspektive für zukunftsfähiges Lernen in Selbstorganisation und Eigenverantwortung
Lernen mit Notebooks - Vorschläge für ein Handlungsprogramm
AUSGANGSPUNKT
Die Vorstellung, alle Schülerinnen und Schüler - sagen wir ab Klasse 7, dem US-amerikanischen Vorbild folgend -
in den nächsten drei bis fünf Jahren mit Notebooks auszustatten, erscheint wenig sinnvoll.
Dagegen sprechen nicht nur die viel zu hohen Kosten. Professor Kubiceck (Universität Bremen) hat im Auftrag der
Bertelsmann Stiftung ermittelt, dass für die Beschaffung von Notebooks etwa
80 Milliarden DM aufgewendet werden müssten. Eine Summe, die alle staatlichen Haushalte sprengen würde.
Das vielleicht noch wichtigere Argument ist, dass unsere Schulen mit einer solchen Aktion gegenwärtig
völlig überfordert wären.
Der traditionelle Unterricht, ist oft noch durch lehrerzentrierte Stoffvermittlung geprägt. Der 45-Minuten-Takt,
sechs verschiedene Fächer an einem sechsstündigen Schultag, Unterricht, der überwiegend an das Klassenzimmer
gebunden ist - all das prägt die Lernvorgänge in unserer heutigen Schule. Und das Lernverhalten der Schüler wird nicht
zuletzt durch das Pauken für die anstehenden Klassenarbeiten und Prüfungen bestimmt. Allzu oft bedeutet Lernen dabei
vor allem Auswendiglernen. Man gebe sich keiner Illusion hin: In dieser Schule wären Notebooks als Werkzeuge des
Lernens Störfaktoren.
Unsere heute noch dominierenden Lernrituale waren im Industriezeitalter durchaus erfolgreich. Unser Bildungssystem
hat zu Deutschlands ökonomischem und sozialem Aufstieg im 20. Jahrhundert gewiss wesentlich beigetragen.
Für das Leben und Arbeiten in einer Informations- und Wissensgesellschaft taugen solche Formen des Lernens aber wenig.
Hier kommt es nicht zuerst darauf an, seine Erinnerungsfähigkeit durch die präzise Wiedergabe von Fakten zu beweisen.
Vielmehr rücken kommunikative Kompetenzen sowie Fähigkeiten des Problemlösens und der flexiblen Reaktion auf sich
schnell wandelnde Situationen in den Vordergrund.
Sehr oft geht es darum, aus der Fülle von verfügbaren Informationen gezielt eine Auswahl zu treffen.
Wissen muss immer wieder neu und situationsangemessen strukturiert werden. Bewertung und Einordnung von
Fakten sind wichtiger als reine Faktenkenntnis, denn deren Informationsgehalt unterliegt schnellen Wandlungen.
Das lebenslange Lernen und damit die Fähigkeiten effektiv zu lernen und so die Freude am persönlichen Lernfortschritt zu
erfahren, das wird zur Schlüsselqualifikationen im Informationszeitalter.
Schulen sollen nicht nur fachliche sondern zugleich auch soziale und personale Kompetenzen fördern.
Um jungen Menschen in diesem Sinne die Chance zu geben, ihre individuelle Handlungsfähigkeit zu entfalten,
müssen die Lehrerinnen und Lehrer in ihren Unterrichtsmethoden auf Selbstorganisation und Teamarbeit setzen und die
Eigenverantwortung der Lernenden unterstützen.
All dies und sicher noch mehr kennzeichnet eine gute Schule in der Informations- und Wissensgesellschaft.
Wir stehen also vor einer doppelten Herausforderung:
Wir müssen die vielfältigen und berechtigten Forderungen nach einer Veränderung des Unterricht - durchaus
im Sinne der traditionellen Reformpädagogik - in unseren Schulen in die Tat umsetzen. Und zugleich sollen die
neuen Medien als Werkzeuge des Lernens möglichst bald und systematisch für alle Schülerinnen und Schüler
eingeführt werden.
Dass beides zusammen grundsätzlich möglich ist und zukunftsweisend gestaltet werden kann, das zeigen die ersten
Erfahrungen aus den Projekten des Lernens mit Notebooks in Deutschland.
Man kann die oben skizzierten grundlegenden (und kostenträchtigen) Veränderungen unserer Schulwirklichkeit aber
nicht übers Knie brechen. Eine unsystematische oder überhastete Einführung von Notebooks wäre ebenso fragwürdig,
wie die Erwartung, dass die Modernisierung unseres Bildungswesens schon erreicht sei, wenn alle Schulen einen
Internetanschluss besitzen.
Es besteht auch keine Notwendigkeit zu übermäßiger Eile, denn andere Länder und Bildungssysteme sind auf
ihrem Weg zu einer generellen Neuorientierung auch noch nicht viel weiter. Jedenfalls dann nicht, wenn man pädagogische
Reformen als Maßstab heranzieht und sich nicht allein auf die Zahlen über installierte Computer oder vorhandene Netzzugänge
bezieht.
Wie kommen wir gezielt voran?
Was wir jetzt brauchen, ist die breite Akzeptanz des Gedankens, dass das alte Lernen mit den neuen Medien in
die Sackgasse führt. Unterrichtsreform und das Lernen mit den neuen Medien sind nur als die beiden untrennbaren
Seiten der einen Münze zu haben.
Von diesem Ausgangspunkt aus, können wir sofort beginnen, landauf und landab gezielt neue Formen des Lernens mit den
neuen Medien zu erproben. Und dabei sollten die systematische Erprobung des Einsatzes von Notebooks als individuelles
Lernwerkzeug eine zentrale Rolle spielen.
Die dazu notwendige Tatkraft und Kompetenz sowie die erforderlichen Mittel für diesen entschlossenen ersten
Schritt werden wir besser aufbringen können, wenn das System Schule (einschließlich der Schulbürokratie) sich
öffnet. Public Private Partnership, insbesondere mit der Informationswirtschaft, sowie eine offene Kommunikation und
enge Kooperation mit den Eltern und den Betrieben, die Absolventen des Schulsystems aufnehmen, sind notwendige
Voraussetzungen dieses Weges.
In drei bis fünf Jahren wären wir dann besser in der Lage, der Öffentlichkeit anhand praktischer Beispiele zu erklären,
wie in Deutschland der Weg aussehen soll, der die Schulen unseres Landes in die Informations- und Wissensgesellschaft führt.
Parallel dazu sollten wir schnell alle Studenten und Kandidaten für die Lehrämter mit den bestmöglichen
Werkzeugen des Lernens - also auch mit Notebooks - ausstatten.
Wenn diese sehr motivierten jungen Lehrerinnen und Lehrer für sich die Chance erhalten, zu erkennen, dass sie selbst
erfolgreicher und interessanter lernen, indem sie die Werkzeuge der Informationsverarbeitung und Informationstechnik
nutzen, dann werden sie die treibenden Kräfte der Neuorientierung an unseren Schulen sein.
Die Perspektive, dass damit eine nachhaltigen Innovation des Unterrichts gelingen kann, ist sehr günstig. Nicht zuletzt
deshalb, weil in den nächsten Jahren ein Generationswechsel an unseren Schulen stattfinden wird.
Dann erst, also frühestens in drei bis fünf Jahren von heute an, ist es sinnvoll, über eine flächendeckende Einführung von
Notebooks als universelle Werkzeuge für das Lernen zu entschieden.
Bis dahin sind vermutlich zwei weitere wesentliche Voraussetzungen für das neue Lernen in den Schulen der
Informations- und Wissensgesellschaft ebenfalls erreicht:
Die Werkzeuge der Informationstechnik und Informationsverarbeitung sind technisch unkomplizierter und -
gemessen an einem für die Schule adäquaten Leistungsvermögen - auch preiswerter geworden. Für die komplexe Aufgabe
des Lernens steht dann wohl auch geeignete Software (im Sinne einer ‚Learners Toolbox‘ oder
des ‚Lern Assistenten LAssi‘) zur Verfügung - wofür sich übrigens
auch ein weltweiter Markt mit guten Chancen für deutsche Produkte auftun wird.
Die guten und erfolgreichen pädagogischen Beispiele aus der Erprobungsphase und die überwiegende Zustimmung,
zum Teil sogar Begeisterung der Schülerinnen und Schüler für das neue Lernen, schaffen dann auch die Voraussetzungen,
unter denen die Eltern bereit sein werden, den Einsatz der neuen Medien in der Schule finanziell mit zu tragen.
Dass dies in Deutschland tatsächlich gelingt, könnte durch eine gemeinsame Initiative der KMK mit D 21 gezeigt werden,
die das Lernen mit Notebooks zum Gegenstand hat.
In einer solchen Zusammenarbeit könnten
gezielt Erprobungsprojekte definiert werden, die über den Technikeinsatz hinaus vor allem die pädagogischen Effekte
klären, die geeignet sein können, die Lernenden und ihre Eltern von der Sinnhaftigkeit und der Zukunftsfähigkeit des Lernen
mit Notebooks zu überzeugen;
abgestimmte Formen der materiellen Unterstützung der Pilotschulen und der (durchaus differenten) Ausstattung mit Hard-
und Software definiert werden;
die Voraussetzungen geschaffen werden, um Grundlagen und Ansätze des Lernens mit Notebooks sowie für die
Entwicklung von Werkzeugen des Lernens zielgerichtet und projektbegleitend zu erforschen;
verschiede Formen einer intensivierten Einbeziehung der Eltern in die Pilotvorhaben erprobt werden und
alle Anstrengungen unternommen werden, die Entwicklung und den Einsatzes von Werkzeugen für das Lernen in der
Lehrerausbildung konsequent voran zu bringen (eng verzahnt mit den Pilotvorhaben des Einsatzes von Notebooks an den
Schulen).
Kaum etwas hiervon muß grundlegend neu erfunden werden, denn es gibt in den USA, bei uns und anderswo schon
vielfältige und tragfähige Beispiele, auf die man sich beziehen kann.
Der Bundesarbeitskreis Lernen mit Notebooks kann ein solches Vorgehen nur anregen. Er ist nach seinen
Möglichkeiten gerne bereit, das Knowhow aus den schon laufenden Projekten zu bündeln und zur Verfügung zu stellen.
HANDLUNGSVORSCHLAG
Die Informationswirtschaft (insbes. die Anbieter von Notebooks auf dem deutschen Markt sowie die
Anbieter von Standard-Software, z. B. ‚Office‘-Systeme) stellen 1.000 (oder bis zu 10.000) Notebooks und geeignete
Software über einen Zeitraum von 3 Jahren bereit.
Die KMK unterstützt das Vorhaben und steuert eine entsprechende Ausschreibung, in der Schulen aus
ganz Deutschland (aller Schulformen und differenter Klassenstufen) sich mit zukunftsweisenden Projekten für das Lernen
mit Notebooks bewerben können.
Der Bundesarbeitskreis Lernen mit Notebooks trägt mit seinem Knowhow dazu bei,
dass eine Gesamtkonzeption für gezielte Erprobungen erarbeitet wird, auf deren Grundlage die Auswahl aus den
Bewerbungen getroffen werden kann.
Das Gesamtvorhaben wird unter dem Dach der Initiative D 21 (Arbeitsgruppe Bildung und Qualifikation)
als Public Private Partnership angesiedelt und läuft über 3 bis max. 5 Jahre (mit Vor- und Nachlauf).
Danach wären wir in Deutschland mit einem systematischen Ansatz (also anders als z. B. in den USA) ein erhebliches Stück
weiter gekommen. Auf dem notwendigen Weg, das Lernen für die Informations- und Wissensgesellschaft in unserem Land
voran zu bringen, könnten wir so ein erstes wichtiges Ziel erreichen.
Michael Töpel
(April 2000)
(Hinweis: Dieser Handlungsvorschlag wurde bzw. wird der Initiative D 21, verschiedenen Unternehmen der
Informationswirtschaft und der Kultusseite unterbreitet.)
Michael Töpel
Sprecher des Bundesarbeitskreises Lernen mit Notebooks